15. Apr. 2026 | Allgemein, eCommerce, News
Der EU-Klimazoll, offiziell Grenzausgleichsmechanismus, sorgt für Unsicherheit bis in einfache Warengruppen hinein. Die WELT beschrieb Mitte April den Fall von Schraubenhändlern, bei denen derzeit niemand sagen kann, wie hoch die Abgabe tatsächlich ausfallen wird. Gezahlt werden muss sie erst später.
Für Händler mit Importanteil ergibt sich daraus eine ungewohnte Lage: Eine Kostenposition ist dem Grunde nach bekannt, der Höhe nach aber nicht.
Wen es betrifft
Der Mechanismus zielt auf energieintensive Vorprodukte, unter anderem Eisen und Stahl, Aluminium, Zement, Düngemittel und Strom. Betroffen sind damit nicht nur Rohstoffimporteure, sondern alle, die Waren mit erheblichem Metallanteil aus Drittländern beziehen. Werkzeug, Befestigungstechnik, Beschläge, Gartengeräte und Teile des Möbelsortiments fallen darunter.
Drei praktische Konsequenzen
- Langfristige Preiszusagen gegenüber Geschäftskunden sind riskanter geworden. Wer Jahrespreise vereinbart, sollte eine Anpassungsklausel für staatliche Abgaben prüfen lassen.
- Die Bezugsquelle wird zum Kalkulationsfaktor. Derselbe Artikel kann aus unterschiedlichen Ländern unterschiedlich belastet sein. Das lässt sich nur bewerten, wenn das Ursprungsland je Lieferant im System hinterlegt ist.
- Die Datenanforderung wandert die Lieferkette hinauf. Ohne Angaben zu Emissionen je Produkteinheit ist eine Abgabe nicht berechenbar. Lieferanten, die diese Daten nicht liefern können, werden zum Problem.
Was im System hinterlegt sein sollte
Viele Betriebe führen den Lieferanten, aber nicht das Ursprungsland je Artikel. Für Zoll, Statistik und künftige Abgaben sind mindestens vier Felder nötig:
- Zolltarifnummer je Artikel, aktuell gepflegt
- Ursprungsland je Lieferant-Artikel-Kombination
- Nettogewicht und gegebenenfalls Materialanteil
- Bezugsweg, also Direktimport oder Bezug innerhalb der EU
Diese Felder sind in JTL-Wawi, Shopware und vergleichbaren Systemen vorhanden. Sie werden nur häufig nicht befüllt, weil sie im Tagesgeschäft bisher niemand gebraucht hat.
Einordnung
Ob der Mechanismus in der aktuellen Form Bestand hat, ist offen und politisch umstritten. Die Datenarbeit lohnt sich unabhängig davon, weil dieselben Angaben für Zollanmeldungen, Ursprungsnachweise und Lieferantenbewertung gebraucht werden. Wer sie jetzt nachträgt, muss es später nicht unter Zeitdruck tun.
Quellen:
Amtsblatt der Europäischen Union (EUR-Lex): Verordnung (EU) 2023/956 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 10. Mai 2023 zur Schaffung eines CO2-Grenzausgleichssystems, 16.05.2023
Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) im Umweltbundesamt: CBAM-Regelphase ab 01.01.2026, 12.03.2026
WELT: EU-Klimazoll sorgt für Chaos: Schraubenhändler am Rand der Verzweiflung, 10.04.2026
9. Apr. 2026 | Allgemein, eCommerce, Fulfillment, News
Die Bundesnetzagentur verzeichnet einen Höchstwert bei Beschwerden über die Zustellung. Beschädigte Sendungen, falsche Adressaten, lange Laufzeiten. Die WELT berichtete Anfang April darüber.
Händler haben auf die Zustellung selbst wenig Einfluss. Auf die Wahrnehmung des Problems haben sie sehr viel Einfluss, und dort entscheidet sich, ob aus einer verspäteten Sendung eine schlechte Bewertung wird.
Der Kunde unterscheidet nicht zwischen Händler und Dienstleister
Wer bei Ihnen bestellt, hat einen Vertrag mit Ihnen. Die Zustellung ist aus Kundensicht Teil Ihrer Leistung. Diese Zuordnung lässt sich nicht durch den Hinweis auflösen, dass ein Dritter zugestellt hat.
Daraus folgt eine einfache Regel für die Kommunikation: Nicht den Dienstleister erklären, sondern den nächsten Schritt nennen. Kunden akzeptieren Verzögerungen weitgehend, wenn sie wissen, was passiert und wann.
Was in der Praxis funktioniert
- Versandbestätigung mit realistischem Zustellfenster statt mit Standardangaben. Wenn die Laufzeit derzeit länger ist, gehört das in die Mail.
- Aktive Meldung bei Abweichung. Sendungen, die drei Tage ohne Statusänderung stehen, lassen sich systemisch erkennen. Eine kurze Nachricht vor der Kundenanfrage verhindert den Großteil der Beschwerden.
- Ein definierter Ablauf für Verlust und Beschädigung, der ohne Rückfrage beim Dienstleister startet. Ersatzlieferung oder Erstattung sofort, Nachforschung parallel.
- Fotodokumentation beim Packen für hochpreisige Artikel. Das klärt Streitfälle über den Zustand bei Versand schnell.
Dienstleister nach Daten auswählen, nicht nach Preisliste
Wer Sendungsverläufe systematisch auswertet, sieht Unterschiede zwischen Dienstleistern und zwischen Zielgebieten. Relevante Kennzahlen:
- Anteil der Sendungen mit Zustellung im zugesagten Fenster
- Anteil der Sendungen mit mehr als einem Zustellversuch
- Schadensquote je Sortimentsgruppe
- durchschnittliche Dauer bis zur Klärung einer Nachforschung
Diese Zahlen sind aus den Statusdaten ableitbar, die ohnehin im System liegen. Sie sind das bessere Argument in Preisverhandlungen als der Verweis auf ein günstigeres Angebot.
Einordnung
Versandqualität ist einer der wenigen Bereiche, in denen ein mittelständischer Händler gegenüber großen Plattformen aufholen kann, ohne in Technik zu investieren. Der Unterschied entsteht durch Aufmerksamkeit und durch Kommunikation, die vor der Beschwerde einsetzt.
Quellen:
Bundesnetzagentur: Monatliche Beschwerden 2025, 07.04.2026
WELT: DHL und Deutsche Post: Zahl der Beschwerden auf Höchstwert, 08.04.2026
1. Apr. 2026 | Allgemein, eCommerce, Fulfillment, News
DHL rechnet für die Osterzeit mit einem Rekord bei den Paketmengen. Die WELT wies Ende März darauf hin, dass der größte Schub nicht vor, sondern nach den Feiertagen kommt. Nach Angaben von DHL nutzen viele Verbraucher die freien Tage zum Onlineshopping, die Bestellungen gehen dann direkt nach den Feiertagen auf den Weg.
Für Versender ist das kein Randthema. Wenn Zustellnetze an der Kapazitätsgrenze arbeiten, verlängern sich Laufzeiten, und die Beschwerdequote steigt, ohne dass der Händler etwas falsch gemacht hätte.
Kapazität wird auf Wochenebene geplant, nicht im Jahresdurchschnitt
Die meisten Betriebe planen Personal und Verpackungsmaterial über Monatswerte. Das führt zuverlässig dazu, dass in Spitzenwochen Überstunden anfallen und in schwachen Wochen Leerlauf entsteht.
Eine Planung auf Wochenebene braucht nur drei Datenreihen aus der Warenwirtschaft:
- Bestellungen je Kalenderwoche der letzten zwei Jahre
- Pakete je Bestellung, getrennt nach Sortimentsgruppe
- Retoureneingang je Kalenderwoche, versetzt zur Bestellwoche
Daraus ergibt sich ein Profil, das sich Jahr für Jahr in ähnlicher Form wiederholt. Ostern, Muttertag, Schulferien, Black Friday und die Wochen nach Weihnachten sind in fast jedem Sortiment sichtbar.
Die Wochen nach der Spitze sind der Engpass
Der Wareneingang von Retouren ist personalintensiver als der Versand. Prüfen, reinigen, neu verpacken, wieder einbuchen, Erstattung auslösen. Wenn dieser Bereich nach einer Spitze überläuft, warten Kunden auf ihr Geld, und der Bestand steht wochenlang nicht zum Verkauf bereit.
Praktikable Maßnahmen:
- Retourenannahme in der Woche nach der Spitze personell verstärken statt in der Spitze selbst
- Erstattung auslösen, sobald der Eingang gescannt ist, nicht erst nach vollständiger Prüfung, sofern das kaufmännisch vertretbar ist
- schnelldrehende Artikel im Retourenprozess bevorzugt behandeln, damit der Bestand zügig wieder verfügbar ist
Zwei Versender statt einem
Wer ausschließlich mit einem Zustelldienstleister arbeitet, übernimmt dessen Kapazitätsengpässe vollständig. Ein zweiter Dienstleister für einen Teil des Volumens kostet etwas Verwaltungsaufwand und begrenzt das Risiko. In der Warenwirtschaft lässt sich die Zuordnung über Regeln automatisieren, etwa nach Gewicht, Zielgebiet oder Sendungsart.
Einordnung
Die Paketmengen steigen strukturell, nicht nur saisonal. Wer seine eigene Spitzenlast kennt und die Wochen danach bewusst plant, braucht in der Spitze weniger Improvisation. Das ist weniger aufwendig, als es klingt, weil die nötigen Daten in jedem Warenwirtschaftssystem bereits vorhanden sind.
Quellen:
DHL Group (via news aktuell/Presseportal): DHL erwartet Oster-Peak: bis zu 10,5 Mio. Pakete am Spitzentag, 31.03.2026
WELT (dpa): DHL erwartet so viele Pakete wie noch nie in der Osterzeit, 31.03.2026
25. März 2026 | Allgemein, eCommerce, Fulfillment, Shop
Zalando hat im März eine besser als erwartet ausgefallene Bilanz vorgelegt. Als Grund nannte das Unternehmen mehr verkaufte Artikel und Fortschritte bei einem Problem, das die Branche seit Jahren beschäftigt. Die WELT griff das Thema auf.
Retouren sind im Modehandel systembedingt hoch. In anderen Sortimenten sind sie es nicht zwingend, werden aber oft wie ein unvermeidbarer Kostenblock behandelt. Das ist selten richtig.
Retouren entstehen vor dem Kauf
Der Großteil der Rücksendungen hat eine von vier Ursachen: falsche Größe, abweichende Erwartung an Farbe oder Material, technische Inkompatibilität, oder eine Beschädigung auf dem Transportweg. Alle vier entstehen vor oder während der Zustellung, nicht im Retourenprozess.
Das heißt: Ein effizienteres Retourenlager senkt die Kosten pro Rücksendung, aber nicht deren Anzahl. Die Anzahl sinkt nur über bessere Informationen und bessere Verpackung.
Vier Maßnahmen mit messbarer Wirkung
- Maß- und Passformangaben je Artikel statt einer allgemeinen Größentabelle. Bei Bekleidung und Schuhen ist das der größte Einzelhebel.
- Produktbilder, die Material und Oberfläche erkennbar machen. Ein zusätzliches Detailfoto kostet einmalig und wirkt dauerhaft.
- Kompatibilitätsangaben bei technischen Artikeln, idealerweise als Filter. Wer vorher weiß, dass ein Teil nicht passt, bestellt es nicht.
- Transportsichere Verpackung nach Artikelgruppe, nicht nach Kartongröße. Transportschäden erzeugen doppelte Kosten, weil die Ware meist nicht wieder verkäuflich ist.
Retourengründe auswerten, nicht nur erfassen
In den meisten Systemen wird ein Retourengrund erfasst und dann nie ausgewertet. Sinnvoll ist eine monatliche Auswertung nach Artikel und Grund. Regelmäßig zeigt sich, dass ein kleiner Teil des Sortiments einen großen Teil der Rücksendungen verursacht.
Für diese Artikel gibt es drei Möglichkeiten: Produktdaten verbessern, Preis anpassen, oder auslisten. Alle drei sind besser als der Versuch, den Retourenprozess weiter zu optimieren.
Einordnung
Parallel berichtete die WELT im März, dass die Zahl der Ladengeschäfte in Deutschland weiter sinkt und bald unter 300.000 liegen dürfte. Seit Ende 2015 sind rund 70.000 Geschäfte verschwunden. Der Anteil des Onlinehandels wächst damit weiter, und mit ihm das Retourenvolumen. Wer seine Rücksendequote um wenige Prozentpunkte senkt, verbessert die Marge stärker als durch die meisten Marketingmaßnahmen.
Quellen:
Zalando SE (EQS News): Zalando liefert starke Ergebnisse für 2025, erwartet weitere Beschleunigung in 2026 durch KI-Innovationen und kündigt Aktienrückkauf von bis zu 300 Millionen Euro an, 12.03.2026
Handelsverband Deutschland (HDE): Schlechte Nachrichten für die Innenstädte - HDE-Prognose für 2026: Einzelhandel in Deutschland verliert 4900 Geschäfte, 23.03.2026
WELT: So knackt Zalando das größte Problem des Online-Handels, 20.03.2026
WELT: „So darf es nicht weitergehen“ – Bald gibt es weniger als 300.000 Geschäfte in Deutschland, 23.03.2026
18. März 2026 | AI / KI, Allgemein, eCommerce, Shop
Visa hat gemeinsam mit Banken einen Test gestartet, bei dem KI-Agenten im Auftrag ihrer Nutzer einkaufen und bezahlen. Die WELT berichtete darüber Mitte März. Es handelt sich um einen Pilotbetrieb, nicht um ein Produkt im Markt.
Bemerkenswert ist weniger die Technik als die Frage, die dahintersteckt: Wie weist ein Zahlungssystem nach, dass eine Transaktion vom Karteninhaber gewollt war, wenn sie von einem Programm ausgelöst wurde?
Warum das Shopbetreiber betrifft
Die europäische Zahlungsrichtlinie verlangt für die meisten Onlinezahlungen eine starke Kundenauthentifizierung. Diese ist auf einen anwesenden Menschen zugeschnitten, der eine Bestätigung in der Banking-App freigibt. Ein Agent, der nachts eine Bestellung auslöst, passt nicht in dieses Modell.
Die Lösungsansätze laufen auf delegierte Autorisierung hinaus: Der Nutzer erteilt vorab ein begrenztes Mandat, etwa nach Betrag, Händlerkategorie oder Zeitraum. Für den Händler entsteht daraus eine neue Kategorie von Transaktionen, die weder klassische Kartenzahlung noch Abonnement ist.
Die drei praktischen Fragen
- Haftung bei Widerspruch: Wenn der Kunde sagt, er habe diesen Kauf nicht gewollt, wer trägt den Ausfall? Solange das nicht geklärt ist, gilt für Händler die übliche Vorsicht bei Zahlungen ohne persönliche Freigabe.
- Betrugsprüfung: Bestellmuster von Agenten sehen aus wie Bot-Traffic. Wer seine Risikoregeln streng auf Geschwindigkeit und Wiederholung ausgelegt hat, blockiert möglicherweise echte Kunden.
- Rückabwicklung: Retouren und Erstattungen müssen an den Nutzer zurückfließen, nicht an ein technisches Konto dazwischen.
Was jetzt sinnvoll ist
Es gibt keinen Grund, kurzfristig etwas umzubauen. Sinnvoll sind drei Vorarbeiten, die ohnehin Nutzen bringen:
- Zahlarten und Risikoregeln dokumentieren, damit Anpassungen später gezielt möglich sind statt durch Ausprobieren.
- Bestellvorgänge sauber protokollieren, inklusive Herkunft und Zeitpunkt der Autorisierung.
- Mit dem Zahlungsdienstleister klären, wie er mit agentenbasierten Zahlungen umgehen will. Die Antwort sagt viel über die Zukunftsfähigkeit des Anbieters.
Einordnung
Der Pilot ist ein frühes Signal, kein Startschuss. Wer heute seinen Checkout aufräumt, Zahlarten auf tatsächliche Nutzung prüft und die Fehlerquote bei Zahlungsabbrüchen misst, arbeitet an Punkten, die unabhängig von KI-Agenten Geld kosten oder bringen.
Quellen:
Visa: Visa Launches ‘Agentic Ready’ Programme to Advance Agentic Commerce in Europe, 17.03.2026
WELT (dpa): Visa testet gemeinsam mit Banken Bezahlen per KI-Agent, 18.03.2026