Retail Media unter Beobachtung: Was Werbekosten auf Marktplätzen wirklich bringen

Retail Media unter Beobachtung: Was Werbekosten auf Marktplätzen wirklich bringen

US-Wettbewerbshüter haben Ende August Klage gegen Amazon eingereicht. Der Vorwurf betrifft die Preisgestaltung im Werbegeschäft. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück. Die WELT berichtete am 1. September darüber.

Für Händler ist der Ausgang des Verfahrens weniger bedeutsam als die zugrunde liegende Entwicklung: Werbung auf Marktplätzen ist von einer Zusatzoption zu einer faktischen Voraussetzung für Sichtbarkeit geworden.

Die schleichende Kostenverschiebung

Wer auf großen Marktplätzen verkauft, zahlt in der Regel drei Positionen: Verkaufsprovision, Fulfillment-Gebühren und Werbekosten. Die ersten beiden sind transparent. Die dritte wächst häufig unbemerkt, weil sie im Tagesgeschäft als Marketingbudget geführt wird und nicht als Bestandteil der Artikelkalkulation.

Die entscheidende Kennzahl ist nicht der ROAS über das gesamte Konto, sondern der Deckungsbeitrag je Artikel nach Abzug aller drei Positionen. Bei dieser Betrachtung stellen sich regelmäßig einzelne umsatzstarke Artikel als defizitär heraus.

Was sich auswerten lässt

  • Werbekosten je Artikel, nicht nur je Kampagne
  • Anteil des Umsatzes, der ohne Werbung entsteht, ermittelt über definierte Pausen einzelner Kampagnen
  • Entwicklung der Kosten je Klick über zwölf Monate, je Warengruppe
  • Deckungsbeitrag je Artikel nach Provision, Versand, Retouren und Werbung

Die zweite Auswertung ist die unbequemste und die aufschlussreichste. Bei etablierten Artikeln mit guter organischer Position ist der zusätzliche Umsatz durch Werbung oft kleiner als angenommen.

Abhängigkeit begrenzen

Wer den überwiegenden Teil seines Umsatzes über einen Marktplatz erzielt und dort einen wachsenden Anteil für Werbung aufwendet, gibt die Kontrolle über die eigene Marge ab. Die Gegenmaßnahmen sind bekannt und brauchen Zeit:

  • eigener Shop mit belastbarem Direktgeschäft
  • Kundendaten und Wiederkaufkontakte im eigenen System
  • zweiter und dritter Vertriebskanal mit anderer Kostenstruktur

Einordnung

Die kartellrechtliche Prüfung großer Plattformen hat in den USA und in Europa an Tempo gewonnen. Auf die Kalkulation des einzelnen Händlers wirkt sich das frühestens in Jahren aus. Die eigene Auswertung wirkt sofort.

Quellen:
Federal Trade Commission (FTC): FTC, States Sue Amazon Over Secret Ad Surcharge Scheme, 31.08.2026
WELT (dpa): Unfaire Preise für Werbung? Klage gegen Amazon in den USA, 01.09.2026

Steigende Personalkosten im Handel: Wo Automatisierung tatsächlich entlastet

Steigende Personalkosten im Handel: Wo Automatisierung tatsächlich entlastet

Im Einzelhandel gab es Ende August eine Tarifeinigung, zunächst in Nordrhein-Westfalen. Beschäftigte erhalten mehr Geld. Die Gewerkschaft ver.di meldete den Abschluss am 26. August.

Für Handelsbetriebe bedeutet das planbar steigende Personalkosten bei gleichzeitig angespannter Ertragslage. Die übliche Reaktion lautet Automatisierung. Das ist richtig, aber zu unbestimmt, um daraus eine Entscheidung abzuleiten.

Wo Automatisierung schnell wirkt

Automatisierung lohnt sich dort, wo ein Vorgang häufig, gleichförmig und regelbasiert ist. Im Handel trifft das auf wenige, dafür sehr häufige Abläufe zu:

  • Übernahme von Bestellungen aus Marktplätzen und Shop in die Warenwirtschaft
  • Bestandsabgleich zwischen Lager, Shop und Marktplätzen
  • Erzeugung und Versand von Rechnungen und Lieferscheinen
  • Statusmeldungen an Kunden, von Versandbestätigung bis Retoureneingang
  • Übergabe von Buchungsdaten an die Buchhaltung

Diese fünf Punkte machen in vielen Betrieben einen erheblichen Teil der Büroarbeit aus. Sie sind vollständig regelbasiert und damit gut automatisierbar.

Wo Automatisierung wenig bringt

Bei Vorgängen mit Einzelfallentscheidung. Reklamationsbearbeitung, Lieferantenverhandlung, Sortimentsauswahl und Beratung lassen sich unterstützen, aber nicht ersetzen. Wer dort automatisiert, verlagert Aufwand in die Fehlerkorrektur.

Die Rechnung, die man aufmachen sollte

Ein einfacher Ansatz genügt für die Entscheidung:

  • Wie oft kommt der Vorgang im Monat vor?
  • Wie viele Minuten kostet er im Schnitt?
  • Wie hoch ist der Anteil, der tatsächlich entfällt, und nicht nur verlagert wird?

Bei 400 Bestellungen im Monat und vier Minuten manueller Übertragung je Bestellung sind das über 26 Stunden. Diese Rechnung ist belastbarer als jede allgemeine Aussage über Effizienzgewinne.

Reihenfolge der Umsetzung

Zuerst die Schnittstellen zwischen bestehenden Systemen, dann die Standardisierung der Abläufe, zuletzt zusätzliche Software. Die häufigste Fehlentscheidung ist die umgekehrte Reihenfolge: ein neues Werkzeug für ein Problem, das aus einer fehlenden Schnittstelle entsteht.

Einordnung

Steigende Personalkosten sind kein vorübergehender Effekt. Betriebe, die ihre Routinevorgänge automatisieren, halten die gleiche Bestellmenge mit unverändertem Team. Das ist meist die realistischere Zielsetzung als Personalabbau.

Quellen:
ver.di Landesbezirk NRW: Tarifabschluss für rund 700.000 Beschäftigte im NRW-Einzelhandel – Einigung nach fünf Verhandlungsrunden, 26.08.2026
ver.di: Tarifrunde Handel 2026: Ein Abschluss nach dem anderen, 16.09.2026
WELT (dpa): Tarifeinigung in NRW – Durchbruch im Einzelhandel, 27.08.2026

Q4-Vorbereitung: Der Fahrplan bis zum Weihnachtsgeschäft

Q4-Vorbereitung: Der Fahrplan bis zum Weihnachtsgeschäft

Das vierte Quartal macht in vielen Handelsbetrieben einen erheblichen Teil des Jahresumsatzes aus. Die Vorbereitung dafür findet im August und September statt, nicht im November.

Der folgende Fahrplan beschreibt die Reihenfolge, die sich in der Praxis bewährt hat. Er ist keine vollständige Liste, sondern eine Priorisierung nach Vorlaufzeit.

Bis Ende August

  • Bestellmengen für Saisonware festlegen. Grundlage sind Absatz und Lagerreichweite der Vorjahre, nicht das Bauchgefühl. Lieferzeiten aus Asien liegen je nach Warengruppe bei mehreren Wochen.
  • Lieferantenzusagen schriftlich fixieren, inklusive Liefertermin und Reaktion bei Verzug.
  • Preisstruktur und Aktionsplanung festlegen. Wer im November improvisiert, verschenkt Marge.

Bis Mitte September

  • Lagerlogistik prüfen: Packplätze, Verpackungsmaterial, Personalplanung für die Spitzenwochen. Aushilfen werden jetzt gesucht, nicht im November.
  • Versanddienstleister ansprechen. Mengenprognose abgeben und Konditionen klären. Kurzfristige Volumensprünge ohne Ankündigung führen zu Problemen bei der Abholung.
  • Produktdaten für Saisonartikel vervollständigen. Bilder, Attribute, Beschreibungen. Danach ist keine Zeit mehr dafür.

Bis Ende September

  • Technischen Lasttest durchführen. Ein Shop, der bei dreifachem Verkehr langsam wird, verliert genau in den umsatzstärksten Stunden.
  • Marktplatzlistings prüfen. Bestandsabgleich, Lieferzeitangaben und Versandprofile müssen den Spitzenbedingungen entsprechen.
  • Retourenprozess auf die Wochen nach Weihnachten auslegen. Dort entsteht die Arbeitsspitze, nicht im Dezember.
  • Kundenservice vorbereiten: Antwortbausteine, Zuständigkeiten, Erreichbarkeit zwischen den Feiertagen.

Was im Oktober zu spät ist

Nachbestellungen bei Lieferanten mit langer Vorlaufzeit, umfangreiche Änderungen an Shop oder Warenwirtschaft, der Wechsel eines Versanddienstleisters und die Einführung neuer Zahlarten. Wer im Oktober noch umbaut, testet im laufenden Geschäft.

Einordnung

Die meisten Probleme im vierten Quartal sind keine Überraschungen. Sie sind bekannte Engpässe, für die im Sommer keine Zeit war. Ein halber Tag Planung im August spart im November mehrere Tage Krisenbewältigung.

Quellen:
Handelsverband Deutschland (HDE): Weihnachtsgeschäft: Handelsverband rechnet mit Umsatzplus von 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, 05.11.2025
DHL Paket GmbH: Zuschläge | DHL Geschäftskunden Paket, abgerufen am 27.09.2026

Datenpanne im Onlinehandel: Der Ernstfall beginnt vor dem Angriff

Datenpanne im Onlinehandel: Der Ernstfall beginnt vor dem Angriff

Anfang August informierte der Brillenhändler Ace & Tate seine Kundschaft über eine Datenpanne. Die WELT berichtete am 7. August darüber. Solche Meldungen häufen sich, und sie betreffen längst nicht nur große Unternehmen.

Für Shopbetreiber gilt eine unangenehme Regel: Die Kosten eines Vorfalls entstehen überwiegend nach dem Vorfall, und ihre Höhe hängt fast vollständig von der Vorbereitung ab.

Die 72-Stunden-Frist

Nach der Datenschutz-Grundverordnung ist eine Verletzung des Schutzes personenbezogener Daten in der Regel binnen 72 Stunden der Aufsichtsbehörde zu melden. Bei hohem Risiko sind zusätzlich die Betroffenen zu informieren.

Innerhalb dieser Frist muss feststehen, welche Daten betroffen sind, wie viele Personen, über welchen Zeitraum und über welchen Weg. Wer diese Fragen nicht beantworten kann, meldet unvollständig, und das verschlechtert die Ausgangslage.

Was vorher geklärt sein muss

  • Ein aktuelles Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten. Ohne dieses ist die Frage, welche Daten betroffen sind, in 72 Stunden nicht beantwortbar.
  • Protokollierung mit ausreichender Aufbewahrungsdauer. Logs, die nach sieben Tagen überschrieben werden, nützen bei einem Vorfall, der drei Wochen zurückliegt, nichts.
  • Eine benannte Zuständigkeit, intern und beim Dienstleister, mit Erreichbarkeit außerhalb der Geschäftszeiten.
  • Vorbereitete Textbausteine für die Information von Kunden. Unter Zeitdruck formulierte Mitteilungen erzeugen mehr Schaden als der Vorfall selbst.
  • Ein geprüftes Backup. Ein Backup, das nie zurückgespielt wurde, ist eine Annahme, kein Backup.

Die häufigsten Einfallstore im Handel

Nach Erfahrung aus dem Tagesgeschäft sind es selten ausgefeilte Angriffe. Es sind veraltete Shop- und Plugin-Versionen, Zugänge ehemaliger Mitarbeiter und Dienstleister, Passwörter ohne zweiten Faktor und Schnittstellenzugänge mit zu weitreichenden Rechten.

Alle vier lassen sich mit vertretbarem Aufwand abstellen. Ein regelmäßiger Termin für Updates und eine jährliche Durchsicht aller Zugänge decken den größten Teil ab.

Einordnung

Vollständige Sicherheit ist nicht erreichbar. Erreichbar ist ein Zustand, in dem ein Vorfall kontrolliert abläuft: bekannt, eingegrenzt, gemeldet, kommuniziert. Der Unterschied zwischen beiden Zuständen ist überwiegend organisatorisch, nicht technisch.

Quellen:
Amtsblatt der Europäischen Union / EUR-Lex: Verordnung (EU) 2016/679 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. April 2016 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten, zum freien Datenverkehr und zur Aufhebung der Richtlinie 95/46/EG (Datenschutz-Grundverordnung), 27.04.2016
Ace & Tate: Ein Sicherheitsvorfall bei unserem Logistikpartner, abgerufen am 27.09.2026
WELT: Brillenhändler: „Wegen einer ernsten Sache“ – Ace & Tate warnt Kundschaft vor Datenpanne, 07.08.2026

Umsatzplus bei schwacher Kauflaune: Was das für die Sortimentsplanung heißt

Umsatzplus bei schwacher Kauflaune: Was das für die Sortimentsplanung heißt

Anfang August meldete der Einzelhandel ein Umsatzplus trotz anhaltender Kaufzurückhaltung. Die WELT berichtete am 3. August darüber. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man zwischen nominalem und realem Wachstum trennt und wenn man berücksichtigt, dass sich die Ausgaben innerhalb der Sortimente verschieben.

Für Händler ist die Gesamtzahl weniger wichtig als die Verschiebung darunter.

Was sich in zurückhaltenden Phasen verschiebt

Regelmäßig beobachtbar sind vier Muster:

  • Verbrauchsgüter und Ersatzbeschaffung bleiben stabil, Neuanschaffungen werden verschoben.
  • Der Anteil von Aktionsware steigt, der Durchschnittspreis je Artikel sinkt.
  • Die Entscheidungsdauer verlängert sich. Zwischen erstem Kontakt und Kauf liegen mehr Besuche.
  • Reparatur und Ersatzteil gewinnen gegenüber Neukauf.

Wer sein Sortiment entlang dieser Muster prüft, erkennt schnell, welche Artikelgruppen Kapital binden, ohne zu drehen.

Lagerreichweite ist die entscheidende Kennzahl

In zurückhaltenden Phasen ist nicht der Umsatz das Problem, sondern die Kapitalbindung. Zwei Auswertungen genügen für eine Entscheidungsgrundlage:

  • Lagerreichweite je Artikel in Wochen, auf Basis des Absatzes der letzten zwölf Monate
  • Deckungsbeitrag je Artikel nach Abzug von Marktplatzgebühren, Versand- und Retourenkosten

Artikel mit hoher Reichweite und niedrigem Deckungsbeitrag sind Kandidaten für Abverkauf. Artikel mit niedriger Reichweite und gutem Deckungsbeitrag sind Kandidaten für höhere Bestellmengen, auch wenn die allgemeine Stimmung dagegen spricht.

Was sich im Shop lohnt

  • Ersatzteile und Verbrauchsmaterial sichtbar machen. Wenn die Neuanschaffung verschoben wird, steigt die Nachfrage nach Erhalt.
  • Preiseinstiegsvarianten anbieten, ohne das Hauptsortiment abzuwerten.
  • Wiederkehrende Kunden gezielt ansprechen. Bei längerer Entscheidungsdauer entscheidet, wer beim zweiten und dritten Besuch noch präsent ist.

Einordnung

Aggregierte Handelszahlen taugen nicht für Einzelentscheidungen. Sie taugen als Hinweis, welche Fragen man an die eigenen Daten stellen sollte. Die Auswertungen dafür liefert jedes Warenwirtschaftssystem, sie werden nur selten regelmäßig gefahren.

Quellen:
Statistisches Bundesamt (Destatis): KORREKTUR: Einzelhandelsumsatz im Juni 2026 real um 0,7 % (alt: 1,1 %) niedriger als im Vormonat, 03.08.2026
WELT (dpa): Einzelhandel erzielt Umsatzplus trotz Kaufzurückhaltung, 03.08.2026